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 Robert Wyatt Heimwerkerkönig - Jazzthetik - Oktober 2007



ROBERT WYATT Heimwerkerkônig
In den letzten paar Monaten war Robert Wyatt kaum ansprechbar. Er befand sich auf Tauchstation. Sonst dieGeselligkeit in Person, vergräbt er sich, wenn er sich in die Arbeit an einem neuen Album vertieft: »Wenn ich schreibe, komponiere, muss ich mich in einen trancehaften Zustand versetzen, sonst gelingtmir nichts. Es geschieht alles völlig instinktiv. Ich bin dann wie eine Schwangere, die morgens im Badezimmer aus Versehen Zahnpasta isst«, sagt er.

Basics

»Wenn ich zuvor Pläne mache oder Konzepte, schränkt mich das ein. Ich denke nicht im Voraus, sondern hinterher«, fügt er hinzu. Und jetzt ist das neue Album Comic Opera im Kasten und Robert Wyatt sitzt wieder etwas entspannter zuhause und sinniert über Gott und die Welt nach - und über Musik.

In seinem Zimmer, das sich gleich links neben der Eingangstür befindet, steht ein Klavier, andere Instrumente liegen verstreut herum: eine Trompete, Keyboards, Trommeln und Maracas. Ein Regal voller Langspielplatten steht an der Wand. Auch der Wasserkocher darf in einem englischen Haushalt nicht fehlen. Ab und zu wird eine Tasse Tee aufgebrüht. In diesem Raum hat Wyatt die Basis-Tracks seines neuen Albums aufgenommen. »Ich wollte, das es so lebendig und spontan wie möglich klingt, wie eine Gruppe von Musikern, nein, wie eine Gruppe von Freunden, die miteinander musizieren«, erklärt Wyatt. »Musik ist nicht nur ein abstraktes Vergnügen. Es ist Gesellschaft, Zusammensein. Man ist ja mit Leuten sehr intensiv zusammen, wenn man eine Platte aufnimmt. Was mir an der Musik von Duke Ellington oder Charles Mingus immer imponiert hat, ist, dass jedes Instrument als Person identifizierbar ist. Es ist eine Grupe von Individuen in einem Raum.«

Comic Opera lautet der Titel des neuen Albums - komische Oper also. Kein Grund zur Panik! Wyatt hat nicht vor, die Nachfolge von Pavarotti anzutreten. Der Terminus »komisch« bedeutet in diesem Kontext nicht witzig oder lustig, sondern bezeichnet den Umstand, dass der Inhalt sich um menschliche Dinge und Eigenheiten dreht anstatt um das Treiben der Götter und das Walten des Schicksals-Themen, die lange allein der Tragödie vorbehalten blieben, die ein Privileg des Adels war.





Wie bei der klassischen »0pera Comique» Frankreichs, aus der die komische Oper im 18. Jahrhundert entstand, hat Wyatt den Zyklus seiner sechzehn Songs in drei Akte unterteilt. Die Lieder folgen keinem stringenten Handlungsstrang, sondern beziehen sich eher lose aufeinander, manchmal mehr, manchmal weniger. Was recht fröhlich und unbefangen beginnt, verdunkelt sich im dritten Akt zu einem düsteren, beklemmenden Klagegesang. Wyatt tritt dabei in den verschiedensten Rollen auf. Er ist Bomberpilot in »A Beautiful War« und das Kriegsopfer in »0ut of the Blue«. Der Zusammenhang ist évident.

Kaum setzt die Musik ein, ist klar, wer singt, so individuell klingt Wyatts Stimme, die, je älter er wird, umso brüchiger, verletzlicher und trauriger wirkt und auch gar nicht mehr so hoch. »Ich verliere jedes Jahr einen halben Ton an Stimmumfang«, kommentiert er seinen Alterungsprozess lapidar. Ein anderes typisches Merkmal sind Wyatts verschlungene Melodien, die nicht ins übliche Popschema passen. Dazu kommt eine Klangwelt, die so verhangen, gedämpft und verwischt ist, dass sie die Stücke in eine ganz eigentümliche Atmosphäre taucht. Alle drei Bauelemente machen die Musik unverwechselbar. Zweifellos: Wyatt ist ein Solitar.

Die Kompromisslosigkeit und Unbeirrbarkeit, mit welcher der 62-Jährige seine künstlerische Vision verfolgt, hat ihm den Ruf eingebracht, einer der wenigen Unbestechlichen im Pop-business zu sein. Das hat ihn in den letzten Jahrzehnten zu einem Vorbild der Independent-Rockszene gemacht, ja fast zum Heiligen, über jede Kritik erhaben. Der Wechsel der Plattenfirma, den er mit Comic Opera vollzog, wird seine Glaubwürdigkeit noch erhöhen. Zehn Jahre lang war Wyatt bei Hannibal/Rykodisc unter Vertrag. Als das Indie-Label vor ein paar Jahren von einem Major geschluckt wurde, hat sich Wyatt gleichfalls verabschiedet und bei der Independent-Firma Domino unterschrieben, wo auch die Arctic Monkeys und Franz Ferdinand daheim sind.


Der Fluch der fruhen Jahre

1945 in Bristol geboren, fing Robert Wyatt als Teenager an Schlagzeug zu spielen. Aus einer alten Schreibmaschine seiner Mutter, einer Holzkiste und einer Spielzeugtrommel bastelte er sich sein erstes Drumset. Später erhielt Wyatt richtigen Schlagzeugun-terricht.

In Mitte der sechziger Jahre schloss er sich mit Schulfreunden in Canterbury zur Formation The Wilde Flowers zusammen, aus der Soft Machine hervorging, die Gruppe, die Wyatts Ruhm begrùndete. Als Schlagzeuger von Soft Machine stand er Ende der 60er Jahre im Zentrum einer vibrierenden Szene in London, die mit psychedelischen Sounds, Klangcollagen, esoterischen Scat Gesängen, langen Improvisationen und wabernden Lichteffekten für Furore sorgte.

Soft Machine avancierte zu einer der führenden Bands des psychedelischen Underground von Grossbritannien und erlangte durch ihre kompromisslose Musik weltweite Berühmtheit. Fünf Jahre lang spielte Wyatt bei Soft Machine. Man tourte mit Jimi Hendrix durch Amerika, trat auf grossen Popfestivals auf, war Gesprächsstoff in den Medien.

Doch der Starruhm kreiert seine eigenen Monster. Spannungen und Rivalitäten traten auf. Es kam zum Bruch. Wyatt wurde aus seiner eigenen Gruppe hinauskomplimentiert, was ihn zutiefst verletzte. Bis heute kann er nicht über den Split reden, ohne dass Verbitterung in ihm aufsteigt. Er gab nicht auf. Innerhalb kurzer Zeit batte er eine neue Band beisammen: Matching Mole. Dieses Mal war er der Bandleader, was andere Problème aufwarf.

»Bei Soft Machine hatten wir mit nichts angefangen und es so weit gebracht, dass wir endlich gutes Equipment kaufen konnten. Und dann warfen sie mich hinaus«, erzählt er mit Groll. »Lassen wir mal die persönlichen Kränkungen beiseite - ich hätte etwas von dem Geld gut gebrauchen können. Ich hatte nichts und musste wieder ganz von vorne anfangen, was sehr schwierig war, zu viel für mich - schon auf einer ganz praktischen Ebene. Etwa: Wo können wir proben? Wir fanden ein Übungslokal. Dann wurde unsere Bassgitarre gestohlen, und wir konnten uns keine neue leisten. Es war absolut lächerlich».

Für Robert Wyatt wurde der Druck immer unerträglicher. Er fühlte sich ausserstande, den Verpflichtungen und der Verantwortung eines Bandleaders nachzukommen. »Ich war völlig überfordert, all diese Leute zu organisieren. Die geschäftliche Seite und das Geld - ich konnte nicht damit umgehen!«

Wyatt wählte den Notausgang. »Normalerweise meinen die Leute, es muss schrecklich gewesen sein, als ich meinen Unfall hatte. Aber in Wirklichkeit war es kein richtiger Unfall. Seit ich 16 war, hatte ich wiederholt versucht, Selbstmord zu begehen. Allerdings bin ich körperlich ziemlich robust, schwer zu töten. Es waren nicht wirkliche Selbstmordversuche, eher warf ich mich - bildlich gesprochen - aus dem Fenster der Situation, in der ich mich befand. Das letzte Mal tat ich es dann sprichwörtlich», erzählt er. »Mit Matching Mole hatten wir zwei Alben aufgenommen, und ich sah einfach nicht, wie wir die dritte Platte zusammenbekommen sollten. Das Rückgrat zu brechen, hätte mich umbringen können, aber es tötete nur eine Hälfte von mir, wobei die andere, die überlebte, viel besser funktionierte als ich als Ganzes. Es veränderte schlagartig die gesamte Situation. Das Rückgrat zu brechen, war ein guter Karriereschritt.« Puuuh!!! So viel rabenschwarzen Humor kann nur ein Engländer haben.




Abgeschiedenheit

Louth heisst das kleine Marktstädtchen in der Grafschaft Lincolnshire, wo Wyatt lebt. In den Nordosten von England hat es ihn vor Jahren verschlagen, als er sich immer mehr aus dem Musikbusiness zurükzog.

Er fährt nur noch selten nach London, in die Welthauptstadt des Pop, um ein Konzert zu besuchen oder in eine Kunstausstellung zu rollen - oder um Schallplattenaufnahmen zu machen. Das Gallery-Studio in West-London des ehemaligen Roxy-Music-Gitarristen Phil Manzanera hat Wyatt für Comic Opera erneut in Anspruch genommen, wo er schon die beiden Vorgängeralben fertigstellte. Hier fühlt er sich wohl und kann ungezwungen arbeiten.

Wyatts rotes Backsteinhaus ist im Eingangsbereich mit einer Betonauffahrt versehen, um mit dem Rollstuhl problemlos ins Gebäude hinein- und herausfahren zu können. Seit seinem Unfall im Jahr 1973 ist er auf den fahrbaren Untersatz angewiesen, mit dem er erstaunlich wendig herumflitzen kann. Kaum hat man an der Haustür geklingelt, hört man auch schon das Geräusch der Räder und dann geht die Tür auf.

Seine Frau, die Malerin und Poetin Alfie Benge, hat im Obergeschoss ihre Zimmer. Für Wyatts kreativen Output ist sie unverzichtbar, schreibt Texte, diskutiert Inhalte, liefert die Bilder für die Covergestaltung, ermuntert und verwirft. Sie ist Sparringspartner, unerlässlich fürs kreative Pingpong. Ohne Alfie geht bei Robert Wyatt nicht viel. Alfie hilft auch gelegentlich seiner Produktivität auf die Sprünge. Während andere Popmusiker Songs wie am Fliessband produzieren und jährlich mindestens ein neues Album vorlegen, bringt Wyatt vielleicht gerade mal ein Lied pro Jahr zustande, wenn es gut läuft auch zwei oder drei. Im Durchschnitt gibt es jedes Sehaltjahr ein Album: Die letzte Einspielung Cockooland erschien 2003, das Album davor (Shleep) 1997. »Ich muss Besorgungen machen, aufräumen, kochen, Rechnungen bezahlen. Dann kommt vielleicht noch der Klempner, weil ein Wasserhahn tropft. Wie soll man da Lieder schreiben?«, entschuldigt sich Wyatt. Musik macht er eher nebenher und hauptsächlich für sich alleine. Er werkelt in seinem Musikzimmer herum, spielt ein bisschen Trompete oder Kornett, klimpert auf dem Klavier, experimentiert auf dem Keyboard mit Klängen und Rhythmen und bastelt an ein paar Songideen, die er auf Kassette oder einem Fetzen Papier festhält und in irgendeine Schublade stopft. Wenn er irgendwann einmal wieder darauf zurück-kommt, wird vielleicht ein Lied daraus. »Einen Song zu schreiben dauert so lange, wie es eben dauert. Da kann man nichts forcieren«, stellt Wyatt fest. »Zuerst gibt es den Keim einer Idee, wobei es manchmal Jahre braucht, bis ein Song daraus wird.«



Ich muss Besorgungen machen, aufraümen, kochen, Rechnungen bezahlen. Dann kommt vielleicht noch der Klempner, weil ein Wasserhahn tropft. Wie soll man da lieder schreiben ?


Ausser von seiner Frau Alfie lässt Wyatt sich von niemand etwas sagen. In seinem Universum scheinen die Imperative der Plattenindustrie ausser Kraft gesetzt - Gesetze von Verkäutlichkeit und Hörerfreundlichkeit. Moden und Trends kümmern ihn wenig. Wyatt ist ein Heimwerker, der fast alles selber macht und erst bei der tatsächlichen Aufnahmesession ein paar Musikerfreunde hinzuzieht. Auf seinem neuen Album waren wieder einige alte Bekannte mit von der Partie: Brian Eno, Paul Weller und Annie Whitehead. Auch Saxofonist Gilad Atzmon und Bassist Yaron Stavi gehören mittlerweile zum inneren Zirkel sowie Toningenieur, Mixer und Bassgitarrist Jamie Johnson, Sohn von Alan Johnson, Wirtschaftsminister unter Tony Blair und aktuell Bildungsminister im Kabinett von Gordon Brown. Und dann taucht auf einem Song von Comic Opera eine uralter Kompagnon wieder auf: Tastenmusiker David Sinclair, mit dem Wyatt schon Mitte der 60er Jahre bei den Wilde Flowers spielte und den er später in seine Band Matching Mole holte.

»Wenn ich eine Platte mache, spiele ich anfangs die meisten Instrumente selbst und verwende Monate darauf, ja manchmal Jahre, der beste Cymbalspieler oder der beste Perkussionist, Trompeter, Keyboard-spieler oder Sänger zu sein«, erklärt Wyatt. «Allerdings gibt es Spezialisten, die das, was ich aufgenommen habe, weiterbringen können. Solche Musiker hole ich dazu, um die Songs zu verbessern und ihre Möglichkeiten auszuloten.«


Politikund Kunst

Trotz seiner Distanz zum Musikbusiness und der Privatheit seiner Existenz lebt Robert Wyatt nicht im Elfenbeinturm - ganz im Gegenteil. Die Vorstellung von Kunst als einer Traumwelt, in die man vor der garstigen Wirklichkeit flüchtet, ist ihm zutiefst suspekt. Wyatt begreift sich als politischen Künstler, jemand, der eingreift und Stellung bezieht. Aïs einstiges Mitglied der kommunistischen Partei Grossbritanniens verfolgt er das Zeitgeschehen sehr genau - aus linker Perspektive. Michael Moore und Noam Chomsky heissen seine Gewährsleute. Die krisenhafte Weltlage treibt ihn um.

Etliche seiner neuen Songs machen dezidierte Aussagen gegen Krieg und Gewalt. »You planted all your everlasting hatred in my heart«, hört man ihn in der Rolle der Opfer sin-gen. Auch dass er drei Lieder auf seiner Neueinspielung in Italienisch und Spanisch singt, will er als Protest gegen die angloamerikanische Politik von Blair und Bush verstanden wissen, obwohl das kein Novum ist. Schon früher sang er lateiname-rikanische Revolutionshymnen in der Originalsprache.

Jede neue Platte verlangt Wyatt ein Wagnis ab. Es geht darum, die Diskrepanz zwischen Kunst und Leben zu überbrücken, sich aus den Sphären des Schönen in die Niederungen des Alltags hinunterzulassen. »Um Kunst zu machen, muss ich mich abkapseln, weil das tägliche Leben eine zynische Distanz zu allem produziert, auch zu den Künsten«, erklärt Wyatt. »Auf der anderen Seite missfallt mir der Narzissmus der Künste, die Idee - wie in der Religion -, dass man sich aus der Welt in einen geistigen Bereich zurückzieht, wo alles besser ist.«
Diesen Widerspruch gilt es auszuhalten, wenn er schon nicht aufzulösen ist. Mit jeder neuen Platte versucht Robert Wyatt erneut die Gratwanderung. Bisher ist er noch nicht abgestürzt.

Aktuelle CD:
Robert Wyatt: Comic Opera (Domino / Rough Trade)