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 Ein Kuckuk als Kosmopolit - Jazzthetik - Oktober 2003


EIN KUCKUCK ALS KOSMOPOLIT

ROBERT WYATT

Was sagt die traurigste Stimme der Welt, wenn man sie in London trifft und sie Robert Wyatt gehört ?


Von Rolf Bei der kellen


Rückschreiten, um fortzuschreiten


»Sailing downstairs to the Northern Line, watching the shine of the shoes.« Mancher mag jetzt stutzen und sich fragen, warum ein Artikel über Robert Wyatt mit einem Zitat von Nick Drake beginnt. Treten Sie bitte einen Schritt zurück: London, Donnerstag, der 4. September gegen 18 Uhr, ich komme vom Interview mit RW. Die Themse nach Norden überquerend (die Tower Bridge zur Rechten), merke ich plötzlich, dass ich der Einzige bin, der in diese Richtung geht. Mir entgegen eilen Scharen von Menschen in schwarzen Anzügen und Aktenkoffern - ein Bild wie aus einem Kinks-Song, lauter »Mister Plea-sants«. Als ich zum Ende der Brücke gelange, sehe ich, wie sich dort der Strom der Schwarz-berockten teilt und alle, die nicht über die Brücke gehen, in den Eingang zur U-Bahn hinabsteigen. Dabei schauen fast alle nach unten, um sich nicht gegenseitig auf ihre polierten Schuhe zu treten.

Und plötzlich, 31 Jahre nachdem Nick Drake den Song »Parasite« für sein Album Pink Moon aufnahm, weiß ich plötzlich, was er mit der eingangs zitierten Textzeile meint. Und ich ahne noch etwas, nämlich, wie sich diese beiden britischen Exzentriker, Wyatt und Drake, Anfang der 70er Jahre gefühlt haben müssen. Beide schwammen gegen den Strom. Beide schufen durch die ihnen auferlegten Einschränkungen Meisterwerke. Bei Nick Drake war es wahrscheinlich eine schwere Depression, die ihn dazu brachte, Pink Moon 1972 nur mit Stimme und Gitarre aufzunehmen, denn er konnte kaum noch andere Menschen um sich herum ertragen. Bei dem Schlagzeuger Robert Wyatt war es der Sturz aus einem Fenster, der ihn im Juni 1973 für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl fesselte und der ihn 1974 sein erstes Solo-Album Rock Bottom, ein absolutes Meisterwerk, aufnehmen ließ. Nick Drake hat Krankheit und Isolation nicht überlebt. Robert Wyatt dagegen hat mit seinem neuen Album Cuckooland das beste Album seit Rock Bottom aufgenommen.

Treten wir, um das Phänomen Robert Wyatt besser beleuchten zu können, einen weiteren Schritt zurück: 1962 annonciert die Familie Wyatt in der Zeitung ihres Heimatortes Canterbury ein Zimmer. Auf die Anzeige meldet sich Daevid Allen, ein durchgeknallter australischer Beatnik. Er zieht ein und gründet mit dem Sohn des Hauses sowie dessen Schulfreunden Hugh Hopper und Mike Ratledge eine Band, die seine Gedichte mit amateurhaftem Jazz unterlegen. Außerhalb der Band hören die Freunde Platten von u.a. Thelonious Monk und Cecil Taylor. Nach dem Abdriften von Allen werden aus der Band die »Wilde Flowers«; Schulfreunde wie David Sinclair und Kevin Ayers kommen in die Band. So wie diese Gruppe zur Keimzelle für Soft Machine, Gong und Caravan wird, werden Soft Machine später zum Inspirationsquell für viele andere Musikrichtungen. Sie waren neben Nucleus eine der ersten Bands, die eine Art Jazzrock spielten. Und wenn man die Gründungsmitglieder von Krautrockbands nach prägenden Einflüssen befragt, wird immer wieder Soft Machines Volume 2 genannt.

Wyatts Einfluss als Musiker wächst bis heute, was sich - wieder analog zu Nick Drake - an der Häufigkeit ablesen lässt, mit der andere Künstler ihn als Einfluss zitieren. Die Konstante seiner Karriere ist seine Stimme, die jemand einmal als »the best non-voice in the business« beschrieb und von der seine Mutter sagte: »It sort of gets you in your solar plexus.« Nachdem sich Wyatt den Ruf erworben hatte, einer von Englands innovativsten Schlagzeugern zu sein (durch sein Spiel in Soft Machine, wechselnden Jazzgruppen und seiner eigenen Formation Matching Mole), der nebenbei auch noch singen konnte, fiel er 1973 bei einer Party in London aus dem Fenster. Er selbst sagte später einmal zu diesem Unfall: »Es schien mir einfach der normalste Weg, die Party zu verlassen.« Er zwang ihn dazu, sich auf das Singen beschränken. Nach Rock Bottom nahm Wyatt 1975 das Solo-Album Ruth Is Stranger Than Richard auf. Mit seiner Version des Neil-Diamond-Songs »I'm a Believer« landet er überraschend auf Platz eins der britischen Charts. Danach hörte man nur noch vereinzelt von ihm; Wyatt betätigt sich als politischer Aktivist, tritt der kommunistischen Partei Englands bei und nimmt politisch gefärbte Singles für Rough Trade auf, aus denen 1982 die Compilation Nothing Can Stop Us entsteht. 1985 erscheint Old Rottenhead, eine ebenfalls sehr politische Platte. Herausragender Moment dieser Zeit ist die Single »Shipbuilding«; ein Song, den Elvis Costello speziell für Wyatt schrieb. 1991 erscheint Dondestan, ein fast schon minimalistisches Album, auf dem Wyatt fast alles selbst spielt und das bis heute eine der traurigsten Platten überhaupt ist. 1997 erscheint Shleep, ein Album, das mit einem ungewohnt großen Staraufgebot (Paul Weller, Brian Eno, Phil Manzanera) aufwartet und fast völlig unpolitisch ist. 2002 beginnt RW mit der Arbeit an Cuckooland. Das Gebaren der USA in den letzten zwei Jahren haben auf diesem Album den politischen Wyatt der 80er wieder zum Leben erweckt. Die oft großflächigen Keyboardeinsätze (die man nur jemandem wie ihm nachsehen kann) erinnern an Rock Bottom und die karg instrumentierten Songs mit seinem Snaredrumspiel an Dondestan. Dieses Album erscheint als Kompendium aller Stile, die Robert Wyatt je benutzt hat. Auch die Besetzung ist wieder opulent: David Gilmour und Paul Weller spielen Gitarre, Annie Whitehead Posaune, Gilad Atzmon Saxophon, Flöte und Klarinette, Karen Mantler singt und spielt Keyboards.

Ich bitte Sie jetzt, wieder näher zu kommen: Ich treffe Robert Wyatt in einem Cafe mitten in London. »Wo kommst du her? Berlin? Da war ich das letzte Mal, als du wahrscheinlich noch so (hält die Hand auf ca. 1,50 m Höhe) groß warst!« Hallo Onkel Robert, aber ganz so klein war ich damals nicht mehr, denn Wyatt meint seinen Trip nach Ost-Berlin zum »Rock für den Frieden«-Festival 1984. Wir entfliehen dem lauten Cafe in einen kleinen, durch ein Fenster nur spärlich von Tageslicht erhellten Raum. Währenddessen bekommt seine Frau Alfreda Benge (die sich als Alfie vorstellt) einen Anruf vom UNCUT-Magazine, für das Robert Wyatt im letzten Jahr den Song »Love« für eine John-Lennon-Tribute-CD aufgenommen hat. »Sie wollen wissen, ob du einen Song für eine Clash-Tribute-CD aufnehmen kannst.« Ich krame nach meinem Mikroständer, denn was nützt einem das tollste Mikrophon ohne Ständer? Robert weiß es: »Eine ganze Menge. Ich habe schon oft Mikrophone ohne Ständer benutzt, ich lege sie auf aufgerollte Klamotten oder so was.« Ich sage, dass ich dem Ständer noch eine Minute Zeit gebe, wenn er bis dahin nicht da ist, dann müssen wir eben improvisieren. Wyatt lacht: »Ruf doch einfach in deine Tasche: Ich warne dich, wenn du jetzt nicht rauskommst ...!« Überhaupt lacht Robert Wyatt viel. Ist dies der Mann, dem so viele Menschen die traurigste Stimme der Welt attestiert haben?


What's new ?


Ralf Bei der Kellen
: Cuckooland ist 75 Minuten lang. So lang war noch keins deiner Alben.

Robert Wyatt: Einige Songs mussten sogar gekürzt werden, was ihnen wirklich gut getan hat. Außerdem werde ich in ein paar Jahren 60, und ... Die Zukunft ist jetzt; alles, was ich noch machen will, muss ich jetzt machen.

Ralf Bei der Kellen: Eine ganze Menge der Songs auf CuckooLand handeln vom Altern.

Alfie: Stimmt. Es geht oft um die Vergangenheit, Dinge, an die man sich erinnert und die einem etwas bedeuten, wie z.B. in dem Song »Old Europe«.

Ralf Bei der Kellen: Ihr wart gerade dort, nämlich in Paris.

Robert Wyatt: (stolz) Ja, ich war gerade in Old Europe. In meinem Herzen bin ich noch immer in dem Old Europe, das im Song vorkommt. Ich habe versucht, »uneindeutige« Perkussion mit viel accelerando und rallentando zu spielen, eine Form, die sich durch die Geschichte des Jazz immer stärker entwickelt hat und die der Rock dann wieder auf die Basics zurückschraubte. Also habe ich viel mit Besen geübt. Das war anfänglich alles, was ich von dem Song hatte. Dann sagte ich Alfie: In diesem Song will ich an einen imaginären Schwarzweiß-Film vom Kontinent aus der Generation meines Vaters erinnern. Selbst wenn Alfie einen allgemeinen Standpunkt einnimmt, arbeitet sie ihn durch eine sehr spezifische Bildhaftigkeit heraus, die oft wirkliche Begebenheiten spiegelt. Diese Arbeitsweise ist ideal für mich, weil sie genau weiß, welches die magischen Momente in meiner Jugend waren, als die Welt wie ein Ort zum Wohlfühlen aussah. Ich war natürlich zu jung, um zu der beschriebenen Zeit [der Song spielt im Paris der 50er Jahre] dort zu sein. Aber unser Freund Mike Zwerin war damals dort. Er ist eine Verbindung zu dem, was mich inspirierte, als ich jung war. Und natürlich bringt der Titel mich zum Lachen, weil er sagt: ... and fuck you, Donald Rumsfeld!

Alfie: Und danke, Joschka Fischer, (beide lachen)

Robert Wyatt: Die Ironie der augenblicklichen Situation ist, dass Europa oft Zufluchtsort für Künstler aus Amerika war, die zu Hause kaum wertgeschätzt wurden. Jazz ist ein Beispiel dafür. Europa kümmert sich besser um einige Träger der amerikanischen Kultur als die Amerikaner selbst. Wenn ich mich wiederholen darf: Fuck you, Donald Rumsfeld! (lacht) Du bist Europa etwas schuldig! Du solltest dankbar sein. Ich weiß, es klingt fast opportunistisch, so etwas zu sagen. Aber ich habe mich ehrlich noch nie so europäisch gefühlt. Ich habe aber auch nie zuvor wirklich darüber nachgedacht.

Ralf Bei der Kellen: Lebt Mike Zwerin noch?

Robert Wyatt: Oh ja, und er schreibt immer noch für die HERALD TRIBÜNE. Seit einem halben Jahrhundert fährt er regelmäßig nach Paris, er begreift sich mittlerweile als »Parisian«. Vor einer Woche gingen wir zusammen in einen kleinen Jazzclub in St. Germain, und dort spielte Rene Urtreger, der Pianist, der mit Miles Davis spielte, als dieser in den 50ern in Paris war. Zwerin hat 1948 selbst mit Miles gespielt, er war in der ursprünglichen Birth-of-the-Cool-Band. Er hat also eine Verbindung zu der Musik, mit der ich aufwuchs. Und er war einer der Menschen seiner Generation, der sich sehr für das interessierte, was wir später machten. Er ist immer ein Freund gewesen.

 


Ich glaube da eine Beziehung ausgemacht zu haben: Die Leute, die Jazz kreiert haben als eine Art Gewebe, eine Art Rhythmus, den man auf alles anwenden kann, waren natürlich Black Americans. Aber Jazz entstand nicht in Afrika, sondern in einem Land, das sich vollkommen aus Immigranten - die meisten freiwillig, manche gezwungenermaßen - zusammensetzte. Die Periode, die für mich die Essenz des Jazz ausmacht, ist die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, bis ca. 1960. Außer der Struktur des Blues kamen die meisten der Akkordfolgen von jüdisch-amerikanischen Komponisten wie z.B. Gershwin oder Irving Berlin. Und ich denke, es ist diese typische Chemie aus melancholischen Melodien, die die Juden aus Europa mitbrachten, und deren Interpretation durch schwarze Musiker. Das war eine ganz neue Verbindung. Und das bedeutet der Begriff Jazz für mich auch heute noch. Auf Cuckooland spielt z.B. der Saxophonist Gilad Atzmon, ein Exil-Israeli, der jetzt mit palästinensischen Flüchtlingen in London Musik macht. Er spielt mit uns auf einem Song, den eine Frau in Haifa auf arabisch geschrieben hat. Ich bin sehr froh, dass Musik existiert. Sie kann ganz andere Orte erreichen. Wenn du dagegen in der Tageszeitung über Menschen derselben Volkszugehörigkeit liest, hört es sich an, als ob nichts Gutes dabei herauskommen könnte.

Ralf Bei der Kellen: Du bist 2001 zum ersten Mal seit fast 20 Jahren live aufgetreten, als Gast bei einem David-Gilmour-Konzert. Heißt das, dass du wieder öfter auf der Bühne zu sehen sein wirst?

Robert Wyatt: Ich brachte David dazu, solo aufzutreten, wozu er sonst eigentlich zu schüchtern ist. Also ohne fliegende Ballone und so ein Zeug. Seine Bedingung war, dass ich auch etwas machen müsse. Worauf ich sagte: David, ich will nicht auf die Bühne. Worauf er erwiderte: Macht nichts, es gibt jetzt Mikrophone, du musst gar nicht auf die Bühne. Und ich dachte: O.k., wenn es un-be-dingt sein muss. Sie schoben mich einfach nur einen Meter aus dem Backstageausgang heraus, gaben mir ein Mikrophon und sagten: Mach es einfach. Sobald du fertig bist, schieben wir dich sofort wieder backstage, wo schon ein Brandy wartet. Dann fiel mir ein: Hey, ich kenne den Text gar nicht! Sie gaben mir einen Zettel: Hier ist dein Text. Ich sagte: Ist doch dunkel draußen, ich kann gar nichts lesen! Worauf sie entgegneten: Die Schrift ist groß, und du bekommst ein Licht. Und ich dachte: Oh fuck, da kommst du nicht wieder raus! (lacht) Aber auftreten werde ich definitiv nicht mehr. Ich hatte so viel Angst. Wenn sich alle Augen auf mich richten - das kann ich nicht, (leise) Nicht mehr.

Ralf Bei der Kellen
: In den letzten Jahren ist viel Archivmaterial von Soft Machine veröffentlicht worden; seit Neuestem gibt es auch eine CD mit alten Sachen von dir auf Cuneiform. Wie kommt das?

Robert Wyatt: Cuneiform hatten ein paar Tapes von mir von der BBC bekommen, von denen sie dachten, es sei interessant, sie zu veröffentlichen. Sie hatten aber nicht genug Material für eine ganze CD. Also schickte ich ihnen ein paar Sachen, die ich in letzter Zeit zu Hause aufgenommen hatte, solo und mit Hugh Hopper. Was mich besonders an den Aufnahmen von 1972 gefreut hat, war, dass ich vergessen hatte, wie gut Francis Monkman am Piano war. Das brachte mich zum Nachdenken, wie wohl die dritte Matching-Mole-LP gewesen sein könnte. Dann gibt es Bootlegs von Konzerten mit falscher Geschwindigkeit und mit schlechtem Sound, furchtbare Dinger. Aber Ryko hat jetzt die Originalbänder gefunden. Wenn Cuckooland erst mal veröffentlicht ist, werden wir nach Wegen suchen, die Aufnahmen zu säubern, um sie herauszubringen. Schon allein, um den Leuten zu zeigen: Hey, es war zwar nicht perfekt, aber besser als die Bootlegs. (lacht) Was ich vergessen hatte, war, wie verdammt laut ich früher gesungen habe! Was aber auch davon gekommen sein kann, dass ich trank, bevor ich auf die Bühne gehen konnte.


Postnatale Kuckucksdepression

Ralf Bei der Kellen: Auf dem Titeltrack ist die Kuckucksmutter nicht als eigennützige Persönlichkeit porträtiert, die ihr Ei in fremde Nester legt, damit sie sich nicht weiter drum zu kümmern braucht, sondern als jemand, der vom Verlust des eigenen Kindes stark berührt wird, der aber gleichzeitig nicht aus seiner Haut kann, seinen Instinkten blind gehorchen muss.

Robert Wyatt: Hey, wenn wir das so hätten sagen können, dann hätten wir nicht soviel dran arbeiten müssen, weil genau das die Essenz des Songs wiedergibt. Ich fand dieses Gedicht von Alfie, das sie schrieb, als sie einen Kuckuck beobachtete.



Alfie: Dieser Kuckuck kam zwei Wochen lang jeden Tag. Er suchte im hohen Gras nach Würmern. Als ich ihn zuerst sah, dachte ich: Oh Gott, der blöde Kuckuck. Aber dann begann ich, über sein Leben nachzudenken. Mir wurde klar, dass die Kuckucksmutter nach Afrika fliegt, bevor ihr Baby geboren wird, und dass das Kuckuckskind nie seine leiblichen Eltern kennen lernen wird. Ich dachte: Was für ein schrecklicher Lebensanfang. Ich überlegte, woher dieses Verhalten kommt, es muss da doch einen evolutionären Grund geben, so was wie postnatale Depressionen der Kuckucksmutter, die nicht mit ihrem Kind klarkam. Und das ist dann vielleicht in die Gene eingebaut worden. Ich fühlte schließlich Sympathie für den Kuckuck, und mir wurde klar, wie oft man Menschen, die man nicht wirklich kennt, verurteilt, ohne zu wissen, welche persönlichen Tragödien hinter ihrem Verhalten stehen.




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Robert Wyatt: Ich sage das nicht, weil sie hier ist, aber: Dieses Album würde, glaube ich, ohne Alfies Input nicht existieren. Vor allem, weil meine Texte in den letzten Jahren kürzer und kürzer geworden sind. Ich ersetze sie durch mäandernde kleine Trompeten-Melodien. Mein Kornettspielist dagegen eher eine Verlängerung meiner Stimme, die in den letzten 20 Jahren eine halbe Oktave an Umfang verloren hat. Aber ich will keine Platte machen, die sich komplett in der unteren Mitte des Notensystems abspielt. Also verlängere ich sie mit dem Kornett. Du musst es sehr exakt spielen - o.k., ich finde immer einen Weg, schludrig mit den Dingen umzugehen - aber du musst genau wissen, ob du B oder B flat spielst. Du kannst nicht einfach sagen: Na, irgendwo da oben wird der Ton schon sein, so wie du das mit der Stimme machen kannst.

Ralf Bei der Kellen
: Du bist von der Musikpresse oft als Besitzer der traurigsten Stimme, die jemals aufgenommen wurde, bezeichnet worden. Bist du eine traurige Person?

Robert Wyatt: Ich bringe nie vorsätzlich irgendeine spezielle Emotion in meinen Gesang mit ein - ich versuche lediglich, die Töne zu treffen und ein Kanal für musikalische Ideen zu sein. Welche Emotionen bei den Hörern entstehen, kann ich nicht vorherbestimmen.

Alfie: Aber du bist keine traurige Person. Und jammern oder klagen tust du auch nicht.

Robert Wyatt: Ich liebe es, Spaß zu haben. Trotz der Tragödie ist das größte, was ich sehen kann, eine Komödie von überdimensionalem Ausmaß. Aber ich kann den Menschen nicht diktieren , was sie hören sollen oder was sie fühlen sollen. Das ist nicht meine Aufgabe.


Das Brummen der Düsen


Ralf Bei der Kellen: Auf dem Album gibt es eine Menge Songs über Bomben.

Robert Wyatt: Das liegt an der Zeit. Zudem leben Alfie und ich in »Bomber County«, Lincolnshire, wo es früher nur Felder gab, und heute sind die Hälfte der Felder Startbahnen. O.k., ich übertreibe - aber das tun Künstler nun mal. Während wir das Material für diese Platte vorbereiteten, konnten wir das Brummen der Düsen vernehmen, als eine weitere Generation von mutigen Helden auszog, den Ausländern eine Lehre zu erteilen. Es war in der Luft, du hast es in der Nase gespürt. Und das ist furchtbar. Was aber auch furchtbar ist, ist, wie die Presse sich gierig auf dieses Thema stürzt - ich denke, das ist auch Teil der menschlichen Natur. Und wenn ich das denke, dann werde ich traurig.

Ralf Bei der Kellen: Auch hier wieder: der Kuckuck in uns allen.

Robert Wyatt: Absolut.

Alfie: Die Bezüge auf die Bomben kommen in meinen Texten vor. Meine Mutter ist polnisch, und mein Vater war Österreicher, meine Kindheit verbrachte ich im Europa des 2. Weltkrieges. Meine Mutter und ich verließen Dresden am Tag vor der Bombardierung der Stadt. Danach hatte ich viele Jahre Alpträume von Bombern, obwohl ich mich nicht bewusst daran erinnere. Die Bomber, die über den Kuckuck flogen, übten nur. Aber jedes Mal, wenn ich dieses Geräusch höre, bekomme ich Angst. Ich stellte mir vor, dass die Kinder im Irak genauso lange Alpträume haben würden wie ich.

Ralf Bei der Kellen: Die letzte Frage: Was war am schwierigsten daran, Robert Wyatt zu sein?

Robert Wyatt: Zu Lernen, in Maßen zu trinken.


       
     
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