EP's
1999

Robert Wyatt

   
 



 
CANTERBURY NACHRICHTEN - N° 35 - JANUAR / FEBRUAR 1999

Robert WYATT - EPs 1999, UK, Hannibal HNCD 1440

Thomas Däbritz

 






In den letzten Monaten sind bereits viele Originalausgaben von Robert WATT's LPs/CDs auf dem Hannibal-Label mit Booklets (und zum Teil mit CD-ROM Bonustrack) erschienen (CN berichtete von den Neuauflagen von "Rock Bottom", "Ruth is stranger than Richard", "Dondestan", "Old rotten hat" und "Nothing can stop us", bei dem übrigens wieder der Track "Shipbuilding" wieder herunter genommen wurde). Was meines Wissens noch fehlt, sind "The End of an Ear" ('70), "The Animals Film" ('82)," A short Break" ('92), "Flotsam jetsam" ('94) und natürlich einige Singles bzw. Maxis, wenn man von SOFT MACHINE, MATCHING MOLE und seinen vielen Gastauftritten mal ganz absieht.

Jetzt bringt WYATT eine wunderschöne, mit viel Liebe gestaltete 5CD Box heraus, dessen Material (bei Disc 1, 2 und 3) sich zwar zum Teil bereits verstreut auf verschiedenen CD-Samplern, wie "Going back a bit" aus der "Virgin Universal" Reihe, oder auch auf "Mideighties" bzw. "Late 70's, Early 80's" befindet. Hier werden diese seltenen Tracks aber zum ersten Mal gesammelt und in einer sinnvollen Reihenfolge zusammengestellt präsentiert. Die Box überschneidet sich nicht mit den bisher erschienenen Hannibal-Reissue-CDs, die ja sämtlichst Originalalben sind. Dank Hannibal muß man sich also jetzt nicht mehr die Füße wund laufen, um die teilweise schon länger gestrichenen Sampler eventuell noch als Second-Hand-CDs zu finden. Jene Musikkonsumenten, die erst ab "Shleep" mit WYATT in Berührung gekommen sind, haben nun die Möglichkeit, die diversen Schaffensperioden in verbesserter akustischer und optischer Qualität zu sammeln. Doch nun zur Box: Jede der 5 CDs befindet sich in einem separaten und durchnumeriertem Pappschuber. Die Box, die Pappschuber sowie das Cover des dicken und hochinformativen Booklets sind von Alfreda BENGE liebevoll bemalt worden. Jeder CD wurde eine eigene Überschriften gegeben, die ich der Reihenfolge nach durchgehe:

Disc 1: "Bits" beinhaltet 'I'm a believer" (in einer bisher unveröffentlichten extended Version), "Memories", "Yesterday Man", "Sonia" und "Calyx". Alle diese Titel stammen aus dem Jahre 1974 und kamen mit Ausnahme von "Calyx" auf zwei Virgin-Singles auf den Markt. Mit "I'm a believer" kam Robert WYATT sogar in die "Top of the Pops" auf die Nummer 1, durfte dann aber nicht im Fernsehen auftreten (um exakt zu sein: er sollte sich in einen "normalen" Stuhl setzen), da die BBC ihrem Publikum den Anblick eines im Rollstuhl sitzenden Sängers nicht zumuten wollte. "Calyx" ist in der Liveversion vom legendären Konzert im Drury Lane Theatre im September 1974 zu hören, da muß es dann doch wohl noch mehr offizielles Livematerial geben? Interpretiert werden die Songs von Fred FRITH, Dave MacCRAE, Richard SINCLAIR, Nick MASON, Mongezi FEZA, John GREAVES, Gary WINDO, Hugh HOPPER und Laurie ALLAN und natürlich Robert WYATT. Alle Musiker sind also "alte" Bekannte aus der Canterbury Szene.

Disc 2: "Pieces" bietet neben "Shipbuilding" (hier digital remastered), "Memories of You" und "Round Midnight", die als Rückseite der Shipbuilding-12" erschienen, noch die seltenen Titel "Pigs .. (in there)" (von der LP/CD "Artists for Animals") und "Chairman Mao" (erstmals auf einer italienischen Single mit dazugehörigem Textbuch erschienen, später auch auf der CD "ReR Quarterly Collection Vol. 2"). Die letzten beiden Titel waren mir bisher ganzlich unbekannt, da ich leider keine der beiden letztgenannten CDs habe. Als besonderes Leckerli hat WYATT die Disc 2 noch mit dem originalem Promovideo von "Shipbuilding" versehen. Leider können sich nur Anhänger der Bill Gates Sekte "Microsoft" die CD-ROM genüßlich reinziehen, wenn auch alles schön kompatibel ist (mein Laufwerk erkennt leider keine Musik-CDs mit CD-ROM Titeln).

Also geht's weiter mit Disc 3: "Work in Progress", die auch mit der gleichnamigen Maxisingle von 1984 identisch ist Das kubanische Liebeslied von Pablo MILANES "Yolanda", Victor JARA's "Te Recuerdo Amanda", Peter GABRIEL's "Biko" und die WYATT/ HOPPER Komposition "Amber and the Amberines". Thematisch gehören diese 4 Songs für WYATT zusammen, weshalb er sie auch alle auf eine EP pressen ließ. "The songs are mostly secular hymns, in a way, simple tributes to attempts to build a little heaven on earth, south of the border" (Zitat von R.W.). Zu jeder Disc gibt es ausführliche linernotes von Robert WYATI mit Hintergründen zur Entstehung der einzelnen Stücke. Zusätzlich sind die Texte von "Amber and the Amberines" und von "Te Recuerdo Amanda" abgedruckt, letzteres auch in der englischen Übersetzung: "I Remember You Amanda".

Die Disc 4: "The Animals Film" ist die auf 20 Minuten gekürzte Filmusik eines Streifens, in dem grauenvolle Tierexperimente gezeigt werden. WYATT beschreibt in seinen Linernotes einige dieser furchtbaren Tierquälereien und schildert auch dabei, daß es für ihn eine harte Zeit war, zu diesen Horrorbildern auch noch Musik komponieren zu müssen. WYATT bedauert zum einen, daß die originalen Masterbänder des Soundtracks nicht mehr auffindbar sind (weshalb wahrscheinlich nur noch diese knapp 20 Minuten übrig geblieben sind ?), zum zweiten macht er den Hörer darauf aufmerksam, daß jene "Musik" nur dem Zwecke der Hintergrunduntermalung diente. Es war also vorher nicht geplant, einen Soundtrack herauszubringen, da es sich bei den akustischen Stimmungsbildern nicht um wirkliche Musik handelt. Zu hören gibt es leise Synthesizerklänge, etwas Percussion und WYATT's sparsam eingesetzte Stimme (irgend ein Rolling Stone-Kritiker beschrieb die Filmmusik als "fuchtbaren Lärm"). Schade finde ich nur, daß gegen Ende der CD die Musik erst richtig gut wird, etwa wenn WYATT seinen Gesang einsetzt, und dann jene Passage ausgeblendet wird. Da ich die LP-Version von "Animals Film" nicht kenne, weiß ich eben nicht, ob es noch mehr Material auf Vinyl gab. Vielleicht kann mich da ja mal jemand aufklären. [Anmerkung: die LP von 1982, Rough Trade ROUGH 40, hatte eine Spieldauer von insgesamt 28:11 Minuten, diese EP nur noch 19:38 Minuten]. Bis zu diesem Teil der CD-Box Besprechung gab es vielleicht für einige von Euch nichts Neues an Musik, was sich aber nun ändern wird.

Die Disc 5: "Remixes" bietet 4 remixte Stücke des letzten Albums "Shleep", welche innerhalb einer Woche fertiggestellt wurden, als WYATT sein Album noch nicht einmal fertig abgemischt und germastert hatte. Nigel BUTLER und Angie DIAL von Pmff (bzw. Pmff Productions, Intemetzugang www.pmff.com) sind für diese beeindruckenden Remixes verantwortlich. Keine Ahnung, wer die beiden sind, aber sie besitzen die gleichen genialen Fähigkeiten wie die deutschen Trip-Hop Größen KRUDER und DORFMEISTER, die meiner Meinung nach die Ansätze von KRAFTWERK, NEU, LA DÜSSELDORF, Klaus SCHULZE etc. weiterentwickeln und in zeitgemäße, elektronische Musik transformieren. Als ersten Remix gibt es HOPPER's "Was a friend" zu hören. Unglaublich gut. Bis zur ersten Strophe begleiten spacige Klänge und blubbernde Sounds WYATT's Gesang, später kommen noch ein Hip-Hop Rhythmus und weitere, sparsam benutzte Effekte hinzu. Von der im Original eingespielten Beckenbegleitung hört man anfangs nur zart etwas, später fällt sie dann gänzlich weg. Es ist schon erstaunlich, wie sehr die Songs durch verschiedenartige Rhythmen verändert werden können. "Was a friend" kenne ich nun von HOPPER/SINCLAIR (damals nur auf dem Ur-Tape und ohne Gesang), von HOPPER/SMITH-KLOSSNER (Besprechung in diesem Heft) und zweimal von WYATT. Das sind mittlerweile vier unterschiedliche Songs. "Maryan" ist der absolute Favorit für WYATT's Ohren und auch wieder ein geniales Meisterwerk. Hier wurden ähnliche Techniken wie im ersten Track verwendet. Normalerweise ist ja weniger bekanntlich mehr, doch hier ist mehr einfach noch mehr. Richtig hart jedoch geht es bei "A Sunday in Madrid" ab. Dem Sprechgesang werden harte Drumbeats unterlegt, so daß der Song beinahe einen Hardcore Charakter erhält. In den Gesangspausen erklingen dann ab und zu ein paar nervige Sounds, die dem harten Rhythmus den bitteren Beigeschmack mitliefem. Danach wird es wieder sehr ruhig, wenn "Free will and Testament" ertönt. Sehr seichte Keyboardklänge und ein zarter Blubberrhythmus erklingen zum Gesang. Alle übrigen Instrumente der Originalversion fehlen hier. Auch mit diesem Stück beweisen die zwei Remixer BUTLER und DIAL, daß sie ein gutes Händchen besitzen. Vielleicht hört man von den beiden demnächst mal mehr von ihrer eigenen Musik? Wünschenswert wäre es auf alle Fälle. Leider bin ich im Nichtbesitz eines Internetzugangs, sonst würde ich mich mal in der PMFF-Webside über deren Projekte etwas schlau machen. Soweit nun zu den "EPs", die in Ergänzung zu "Nothing can stop us" den größten Teil von WYATT's Singles und Maxis abdecken. Was jetzt noch fehlt sind die "Peel Sessions", die EP "Man to Woman" (von Marsha HUNT) sowie die beiden Singles "Age of Self / Raise your Banners high" und "The Wind of Change / Namibia" (mit den SWAPO Singers). Das würde meines Wissens alle originalen Robert WYATT Singles und EPs abdecken. Ich würde mir wünschen, daß sich das Hannibal Label auch noch diesen (mir zum Teil unbekannten) Schätzen widmen würde, das wäre schön. Na ja, warten wir mal ab. (Labelinfos und Infos zum WYATT-Programm von Hannibal/Rykodisc unter:
Rykodisc Ltd., 78 Stanley Gardens, London W3 7SZ / Tel: 0181 746 1234 e-mail: data@rykodisc.com — web site: http://www.rykodisc.com




 
NEW INTERNATIONALIST - JUNE 1999

Robert Wyatt: EP's

Louise Gray

 

Attempting to sum up Robert Wyatt's contribution to pop is a difficult job. Not to suggest that the man's career is anyway over - this covetously nice boxed set of five EPs disproves any such thing. Wyatt, a singer and writer who came to prominence in the 1960s with the British band Soft Machine, developed a career which combined artistry with an unswerving passion for social justice. This is reflected in many of the pieces collected here and while Wyatt has always been outspoken in his Marxist sympathies he has never been doctrinaire. This collection takes as its starting point the end of the Softies in 1971 and traces a trajectory up to the present day with selections from last year's album Shleep plus various remixes. Most of the material is available elsewhere on Wyatt's numerous releases, but the beauty of EPs is in its size. These 'extended plays' - each one less than an album, but more than a single - offer a format that allows for a short, concentrated exploration around a thematic grouping. There's a 1974 cover of I'm A Believer; the shimmering sorrow of Shipbuilding, an eloquent indictment of Thatcher and the Falklands war in just minutes; and tracks from the 1982 movie The Animals Film. Wyatt's music can be sparse, but it's also simultaneously vulnerable and taut; Sakamoto had a point when he described his as "the saddest voice in the world". That is, in a sense, the beauty of Wyatt's work. Even when he's on a roll - delivering a mighty cover of Victor Jara's Te Recuerdo, Amanda or Amber And The Amberines, written after the US invasion of Grenada - there's the tenderness of farewell in each of them. Hear this for the songs, the passion, the players: Brian Eno, Fred Frith and Paul Weller all make appearances. Wyatt's one of a kind.




 
IMPROJAZZ - AOÛT-SEPTEMBRE 1999

Robert Wyatt: EP's
Hannibal - Coffret CD's

René Guyomarc'h

 

Ouvrir le coffret des "ep's", c'est un peu comme retrouver des objets précieux égarés ou dispersés. Le cœur pince un peu : le souvenir sublime, la nostalgie frustre. Mais il n'y a pas ici que des inconnus. L'identité artistique de Robert Wyatt, préservée en dépit de relocalisations dans divers labels est si excentrique, sa voix soprane si unique et ses compositions (et ses reprises) si spéciales que l'âge les épargne. Son approche de la technologie contrarie la désuétude des arrangements d'époque et on n'écoute pas aujourd'hui "Moon in June" ou "Caroline" avec la même oreille que les compositions des autres membres de la Soft Machine ou de la Matching Mole... Mais ces deux titres figurent sur des compilations antérieures et l'objet de celle-ci est d'un tout autre fût...
En amoureux des musiques populaires et de musiques jazz, Robert Wyatt parvient à capturer l'essence rare de l'âme d'un air, de l'émotion qu'il véhicule. S'il vibre sur "Strange Fruit" et "'Round Midnight" ou "Te recuerdo Amanda", il restitue ce rare et indicible sentiment qu'on éprouve à l'écoute de ce qu'il faut bien appeler par commodité des "classiques". Sous la préhension de Robert Wyatt, la chanson pop devient un standard qui saura désormais affronter le temps qui passe, la version fait peau neuve, elle est Wyatt devenue. C'est vrai pour "l'm a believer" et ça marche aussi pour "Shipbuilding". Robert Wyatt n'habille pas, il habite. Spirituels, cohérents et conceptuels, les "ep's" se déclinent et se découvrent dans l'ordre ou dans le désordre comme un roman à clés. Chaque "ep" est baptisé d'un titre générique mais à l'exception du douloureux interlude des "Animais", il est associé à son prédécesseur et à son successeur par de judicieuses associations d'idées et la chronologie n'a pas plus d'utilité que le pense-bête noué dans le mouchoir. Le livret qui l'accompagne abonde de détails où apparaissent toutes les qualités de leur auteur : humanisme et engagement politique, humour, sens du recul, modestie... et un éblouissant don de narrateur. Toutes ces qualités semblent être des extensions naturelles d'un génie fragile et pétillant, malicieux et terriblement intrépide.
Les "ep's" autorisent l'auditeur à cerner un homme qui parvient à projeter sans approximations ses visions multiples, un artiste dont l'œuvre homogène transcende non seulement les modes mais aussi les genres et les préjugés.




 
NEW MUSICAL EXPRESS - 20 FEBRUARY 1999

Robert Wyatt: EPs

Stephen Dalton

 

Robert Wyatt has been a ghostly presence in progressive British pop for the last 30 years.

His avant-jazz drumming and achingly fragile voice echo through much of Damon Albarn's output, his songs have been covered by the likes of Gorky's Zygotic Mynci, while his own sporadic releases have been graced by everyone from Brian Eno to Jerry Dammers, Paul Weller to Ultramarine.
This handsomely packaged box set kicks off in the post-Soft Machine mid-'70s, just after Wyatt was paralysed from the waist down by a drunken fall from four floors up. The first of five EPs begins with his spaced-out, whimsically Olde English take on The Monkees' hit 'I'm A Believer'. The shrill, lovelorn flutter of 'Memories' and brass-driven township jive of 'Sonia' are equally minimal and emotive, twanging heartstrings with the slightest of sighs.
The second disc centres on Wyatt's most famous hit, 'Shipbuilding'. Written especially for the Marxist singer by Elvis Costello in 1982, this all-time classic anti-war anthem draws an explicit link between the Falklands conflict and Thatcherite industrial decline, all within the context of an exquisitely sad saloon-bar lament. Its original B-side, 'Memories Of You', is a tear-stained gem too, although Wyatt's stab at Thelonius Monk's 'Round Midnight' is a trifle cluttered, and his animal rights drone-poem 'Pigs... (In There)' is hardly a barrel of laughs either.
'Work In Progress', first released on Rough Trade in 1984, contains some sublime marriages of rudimentary electronics with so-called 'world' music. 'Yolanda' and 'Te Recuerdo Amanda' are gently oscillating covers of leftist Chilean anthems, each as woozily soothing as warm sunlight. 'Amber And The Amberines' is Wyatt's own stirring epitaph to the US invasion of Grenada, a quavering post-rock torch song and tribute to the undying socialist flame. Even his weightless glide through Peter Gabriel's stadium conscience-pricker 'Biko' manages to lose much of the original's windy pomposity, if not its dragging pace.
Only the fourth disc, edited highlights of Wyatt's soundtrack to Victor Schonfeld's 1984 anti-slaughter movie The Animals Film, lets this collection down. It's a noodling, twittering, Krautronic clonkfest clearly designed with harrowing visual images in mind, not home listening. But the fifth set, featuring four lightly remixed dub'n'bass and trip-hop versions of tracks from Wyatt's 1997 album 'Shleep', restores some consistency and linear logic. Even in such self-consciously contemporary surroundings, what shines through is the luminous beauty of the most original and emotive voice in hard-left British pop.

If you don't believe avant-garde political music can be both playful and polemical, heartfelt and heartbreaking, you need Robert Wyatt in your life.




 
       

Critiques/Reviews