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Der stille Wyatt bricht sein Schweigen - Sounds - November 1980





Dieser Mann hat gerade vier Singles aufgenommen. Die erste ist ein chilenisches Volkslied. Die Zweite ist eine Chic-Nummer. Die dritte ist ein pro-stalinistische gospelhymne aus den Vierzigern. Die vierte stammt aus der Feder von Ivor Cutler.

Von Graham Lock






Ich wollte ergründen, warum man Robert Wyatt, The Red Robbo Of Twickenham" nennt.
Robert Wyatt starrt in die feuchte Luft. "Weiß nicht... Vielleicht bin ich trotz meiner selbst politisch geworden, denn eigentlich mach' ich mir ja lieber ein paar schöne Tage. 'Er lacht 'Ich wäre gern ein Hedonist."

Er zögert, runzelt die Stirn. "Aber da ist noch was anderes... Ich brauchte mich dem Frimer wohl nicht mehr so zu widmen, es ist komisch... das ist... Ich bin Jahrgang 1945, schau mal, und es gab gewisse Grundsätze in unserer Generation, gewisse Dinge, die man halt nicht mehr machte, so wie Elite-denken in der Form von Rassismus einfach diskreditiert war, man tat es eben nicht.

Alle haben gedacht, daß dieser Scheiß endgültig weg war, dieses "Recht" der westlichen Länder, den restlichen Teil der Welt wie ungezogene Straßen-bengel behandeln zu können. Aber jetzt kommt es wieder angekrochen, und im nachhinein wirkt es so, als hätte es nur eine kurze Pause gemacht.

Dabei geht es nicht nur um die Konservativen, nicht nur um Politiker, sondern um die gesamte Kultur... Wie dieser versteckte Rassismus im Radio, der die Phrase "ernste Musik" fur nichts außer die europäisch-akademische Musik benutzt.

Diese Einstellung gedeiht jetzt wieder, und mich hat das sehr getroffen, da ich dachte, es wäre vorbei. Ich bin glücklich dabei gewesen, loszugehen, Lieder zu singen und rumzumachen und so. Ich würde sowas immer noch viel lieber machen, aber die ganze Basis, der ge-samte Konsens, den ich für gegenwärtig hielt, ist anscheinend nicht mehr da, und ich bin wirklich... alamiert."

Wyatt rutscht unruhig in seinem Rollstuhl hin und her. "Und einer der Gründe, warum ich in die Kommunistische Partei eingetreten bin, ist der, daß ich gelernt habe, daß alle Ideen, die sich in der Kultur und in der Musik äußern, allein keine effektive Kraft haben, Dinge zum Besseren zu wenden, Sie können Dinge nur andeuten, oder bestätigen, aber ändern können sie nichts."




Er schaut in den Himmel, als ob er Hilfe suchen würde, und seufzt. "Und ich mache immer noch das einzige, das ich kann — Musik — und das gründet sich auf die Annahmen, die ich früher mal hatte, daß Kunst eine echte Macht wäre usw. Und ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich mir die ganzen Einblicke, die ich seit Beginn meiner Musikerlaufbahn außerdem noch hatte, nutzbar machen soll. Ich sehe heutzutage alles im Lichte der Politik, aber als Musiker glaube ich, daß meine erste Aufgabe die Musik ist, und wie oft du auch von Songs verlangst, daß sie deine eigenen Voreingenommenheiten reflektieren sollen, so gibt es doch musikalische Gesetze, die festlegen, daß Songs ihr eigenes Wertsystem besitzen müssen."

Wieder runzelt er die Stirn, darauf ein Achselzucken. "Dies ist ein Teil meiner Probleme. Ich fühle mich nicht wohl dabei, unter solchen Voraussetzungen meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich fühle mich wirklich in der Falle und sehe auch keinen Ausweg. Ich weiß tatsächlich nicht, was ich tun soll, so einfach ist das."

Wir sitzen im Garten seines Hauses in Twickenham und diskutieren seine Rückkehr zu Plattenaufnahmen. Die letzte Single, "Arauco"/"Caimanera", die erste seines Vier-Single-Projektes bei Rough Trade, signalisierte das Ende ungebrochenen Schweigens seit seiner 1975er-LP RUTH IS STRANGER THAN RICHARD.

Die erste Überraschung bei diesen Singles ist ihre Unterschiedlichkeit: zwei südamerikanische Folksongs, Protest-Jazz a la Billie Holiday, Chic, Ivor Cutlers Schrullen, und, am merkwürdigsten, eine Multi-Track Acapella-Version von "Stalin wasn't Stalling", einem pro-stalinistischen amerikanischen Propaganda-Song, zur Zeit des zweiten Weltkrieges, vom Golden Gate Jubilee Quartett erstmals gesungen. Außerdem plant Wyatt noch, auf zwei Single-Seiten selbst gar nicht in Erscheinung zu treten — "Stalingrad" ist ein Gedicht, geschrieben und gelesen von Peter Blackman, und "Trade Union" ist die Arbeit von Disharhi, einer Gruppe bengalischer Papierarbeiter und Folk-Musiker aus Londons East End.

Die zweite Überraschung ist der politische Einschlag dieser Singles. Wyatt: "Arauco stammt von der chilenischen Folk-Sängerin Violetta Parra und ist eine verzweifelte Aufforderung an alle Indianerhäuptlinge und die Kulturen und Gemeinden, die sie repräsentieren, aufzustehen und die christlichen Kolonialisten zu verjagen. Verzweifelt deshalb, weil die Unterdrückung schon seit 400 Jahren regiert und nicht mehr viele Indianer übrig sind.

Und die Leute sagen: "Oh, sowas kommt vor, Rassen sterben halt aus". Rassen sterben nicht aus, sie werden umgebracht.

Pinochet verkauft ihr Land an die ausländischen Geschäftemacher, was nichts anderes bedeutet, als daß die meisten Indianer entweder sterben müssen oder in Slums an die Fabriken verfüttert werden, ausgebeutet in den schlimmsten Jobs im Bergwerk. Und wenn man sagt: 'Was hat das mit uns zu tun?' Nun, unsere Regierung ist einer der Hauptgeldgeber.




'Caimanera' ist eine Version von 'Guantanamera', das die kubanische Nationalhymne ist. Ich singe es... weil in der Presse soviel über tausende Kubaner stand, die Kuba verlassen haben. Da dachte ich, ich singe halt ein Lied für die Millionen, die dort geblieben sind."

Und dies ist der Mann, der früher bei Soft Machine das Alphabet sang.

Robert Wyatts erste bemerkenswerte Arbeit war die des Drummers/Sängers von Soft Machine, jener Band, die Ende der Sechziger zu Bedeutung aufstieg, als Führer (zusammen mit Pink Floyd) der damaligen "neuen Welle" von größenteils instrumental spielenden Art-Rock Bands, die die Ankuft von Psychedelia und hoher Ernsthaftigkeit im englischen Rock verkündeten. Ihrem heutigen Ruf als Pioniere der Fusionierung von Jazz und Rock tritt Wyatt mit einem Grinsen und ein paar Anekdoten entgegen.

"Manchmal war es wirklich peinlich. Da kommen ein paar Kids nach dem Gig zu dir und meinen 'Oh, toll, diese intellektuell stimulierende Musik, letzte Woche war es furchtbar, da spielte hier Geno Washington & the Ram Jam Band und alle haben nur getanzt', und du kannst mir glauben, hätten wir damals so gut wie Geno Washington spielen können, und dann noch vor seinem Publikum, dann hätten wir lieber das gemacht, keine Frage.

Wir waren einfach nicht sehr gut,konnten nicht sehr gut sein. Unser Publikum bestand, naja, größenteils aus Snobs. Ich denke, wir hatten das auch so verdient, bei der blöden Musik, die wir spielten. Das Gute an den Endsechziger-Konzertbesuchern war, daß sie immer vollgeknallt waren, und des¬halb konnten wir stundenlang Scheiße spielen und damit durchkommen.




Wyatt bleibt im Einklang mit seinen Theorien über die soziale Impotenz des Künstlers, indem er behauptet, daß er ihrer "schönen Melodien" aufgenommen habe. Nichtdestotrotz: korrespondiert ihr Inhalt — eine heavy Mischung aus politischer Aussage und unklaren persönlichen Reflexionen — mit unheimlicher Sicherheit über die Möglichkeiten und Konfusionen, mit denen er momentan kämpft.

Sein nachstes Werk wird "Strange Fruit"/"At last I'm free" sein. "Strange Fruit", im Original in den Vierzigern von Billie Holiday gesungen, war eine Reaktion auf die Lynchjustiz in den Südstaaten. In Erinnerung an die vielen Anti-Rassismus-Aufkleber, Poster und Flugblätter an Wyatts Zimmerwänden muß ich fragen, in welchem Maße die Wahl dieses Songs von seiner Beschäftigung mit dem Anti-Rassismus beeinflußt worden ist.

"Mir fällt es auf, daß viele Leute so reden, als seien diese Dinge Vergangenheit, besonders die Amerikaner — Lynchjustiz im Suden, Mord an Indianern usw. Wenn man aber über die Kräfte, die dahinter stecken, spricht, dann gibt es sie immer noch, die Leute sind immer noch dieselben.

Nimm mal Süd-Afrika — ich denke, daß, würde es nicht den wachsenden Widerstand der Afrikaner geben, die USA, England und Westeuropa es gerne in eine weitere Mondlandschaft verwandeln würden. Wir wissen, daß die USA aktiv auf der Seite der Anti-SWAPO-Kräfte stehen, genau wie die Engländer und Franzosen. Diese Art von Rassismus ist mindestens so schlimm wie damals zur Zeit der Lynchjustiz."

"Strange Fruit" unterstreicht Wyatts Behauptung am deutlichsten, daß die Singles waren "wie Sketche, ohne Dekoration, nur ein Dokument einiger Stücke, die ich mag". Alle sind größten¬teils allein eingespielt, der Sound ist nackt und etwas holperig — Baß, Keyboards, und Wyatts hohe, wehleidige Stimme, die in düsterer Behutsamkeit steigt und fällt.

"At Last I'm Free", jenen Song der Disco-Band Chic, wählte Wyatt aus, weil es eine "schöne Ballade" sei.

Obwohl dieser Song keine augenfälligen politischen oder persönlichen Referenzen besitzt, so scheinen bestimmte Textzeilen doch eine pikante Note im Bezug auf Wyatts heutige Probleme als Musiker anzuschlagen. Es mag Spekulation sein, aber man kann ihn als Abschiedslied fur Wyatts Rock'n' Roll-Illusionen verstehen.

"At last I'm free, I can hardly see in front of me. "

1971, Robert Wyatt verläßt Soft Machine und gründet die Band Matching Mole. Nachdem diese zwei Alben veröffentlicht hat, besäuft sich Wyatt auf einer Party irgendwann 1973 fürchterlich, fällt aus einem Fenster im vierten Stock, und knallt auf den Bürgersteig und bricht sich das Rückgrat. Heute ist er querschnittgelähmt und für den Rest seines Lebens in den Rollstuhl verdammt.

Nach diesem Unglücksfall bleibt Wyatt eine Zeitlang in enger Verbindung mit der Musik. Zwar konnte er kein Schlagzeug mehr spielen, aber Keyboards, diverse Handtrommeln und Gesang waren ihm nach wie vor möglich. Das Comeback-Album - ein zweites Solowerk (das erste, THE END OF AN EAR, noch aus der Soft Machine-Zeit, bleibt eines der bewegendsten und unterbewertetsten Meisterwerke der Siebziger, hat CBS gerade wiederveröffentlicht). Ein Werk mit wirklichem Siebziger. Ein Werk mit wirklichem Tiefgang — das Thema von Absturz und Genesung besitzt einen emotionalen und musikalischen Zusammenhalt, der außerdem nur noch von Van Morrison's ASTRAL WEEKS erreicht wurde.




Viele sahen dieses Album als eine Biografie seines Unfalls, aber Wyatt streitet dies ab.

"Eigentlich habe ich das meiste Material vor dem Unfall geschrieben, deshalb glaube ich, daß sein Zusammen¬halt musikalischer Natur ist; ich hatte einen bestimmten Satz von Ideen, den ich die ganzen 40 Minuten lang durchgehalten habe."

Nach dem nächsten Album RUTH IS STRANGER THAN RICHARD und zwei verblüffenden Cover-Versionen, den Singles "I'm A Believer" und "Yesterday Man" nahm Wyatt lange Zeit nichts mehr auf. Warum?

"Meine anderen Interessen drängten sich in den Vordergrund. Ich dachte, ich könnte kein Musiker-Leben mehr führen — Sachen wie Auftritte erwiesen sich als viel zu schwierig — und es ist schwer, ein Musiker zu sein, wenn man nicht das entsprechende Leben führen kann, denn es ist dann nicht etwas, das du bist, sondern nur ein Teil der Organisa¬tion, wie Anlage, Roadies, Manager, Re¬pertoire, Tourpläne. Und so wurde es für mich immer schwerer, meinen Schwung beizubehalten. All die romantischen Ideen von Wichtigkeit verblichen dann schnell. Die Sachen, die ich begann, für wichtig zu halten, hatten mit diesem Job nichts zu tun. Ich meine, die Leute, mit denen ich heute rede, was ich zu meinem Vergnügen tue... zum Beispiel schaue ich mir gerne Filme darüber an, was in der Welt so passiert, und dagegen wirkt Rock'n' Roll so... winzig."

Paradoxerweise hat Wyatts Bewußtsein der Welt gegenüber, seit er im Rollstuhl sitzt, dramatisch zugenommen. Heute ist er ein begieriger Leser und hört regelmäßig Radiosendungen aus aller Welt. So ist es auch kein Wunder, daß er diese fortschreitende Enttäuschung dem Rock'n' Roll gegenüber erfuhr, diese Veränderung der Werte, und diese Verstrickung mit politischen Dingen. Warum nimmt er dann aber jetzt wieder Platten auf?

Wyatt zuckt die Achseln, etwas mutlos. "Man braucht Jahre, um sich irgendetwas aufzubauen, und so blieb mir nichts anderes übrig, als wieder ins Rock-business zurückzukehren, denn ich kann nichts anderes." Er zögert, rutscht in seinem Stuhl, runzelt die Stirn. "Die Rückkehr zur Rockmusik... Für mich ist es wie ein komischer Alptraum, in dem ich wieder die Kleider trage als wäre ich 15. Alles paßt einfach nicht mehr, sehr merkwüdig."

War es das, was du meintest, als du neulich sagtest, daß die Ruckkehr ins Musikgeschäft wie eine Niederlage sei?

"Eine Niederlage nicht, denn ich lebe ja noch. Aber es erstaunt mich, daß ich es noch einmal mache. Ich dachte, ich würde mich in eine andere Richtung bewegen — wohin weiß ich auch nicht, ehrlich. Es wäre schon interessant zu wissen, wo ich sein würde, wenn ich nicht in diesem Stuhl saße...

Ich erkundigte mich bei der Jobvermittlung nach Arbeit. Alles, was sie mir anbieten konnten, war hier in der Nachbarschaft Schachfiguren anzumalen, und meine Frau Alfie und ihre Mutter meint dazu, tu das nicht, du verkaufst dich zu billig, du bist Musiker'."

Wyatt hält die Spannung zwischen seinem Enthusiasmus für die Politik und auch für die Musik nicht für fruchtbar, sondern für eine absolute Sackgasse. Und seine Angst, daß die Politik — stark vereinfacht ausgedrückt — in den Augen seiner Hörerschaft die Musik verderben könnte, führt ihn manchmal so sehr in die Verteidigung, daß es schon komisch wirkt. So auch, als er die Wahl von Ivor Cutlers "Go and Sit upon the Grass" als eine seiner Singles zu erklären sucht.

"Ich mag den Song, denn er macht sich lustig über Leute wie mich. Er sagt "do not mind if I thump you, when I am talking to you, I have something important to say"."

Meinst du, daß deine Songs den Leuten Schläge versetzen? Unglauben liegt in meiner Frage.

Wyatt überlegt. "Nun, ich mache mich gerne über mich lustig, denn es gibt da diese fürchterliche Sache, die immer dann zu passieren scheint, wenn man über andere Dinge als gerade Musik und Spaß spricht... Man wird dann leicht zu einer Art Cliff Richard der Linken."

"Und das," so lacht Robert, als er in die linken Schatten zurückrollt, "ist ein hübscher Gedanke für den Hinterkopf."